RBB Abendschau: viel Werbung für Aufstockung – und keine einzige kritische Stimme

Plakat am Baugerüst: Dachaufstockungen Bien-Zenker | Binovabau

Für wie viel Lärm, Dreck und Schaden die Aufstockung eines Hauses sorgen kann, erleben Mieter in der Gleditschstraße seit Monaten. Von der Mieterhöhung ganz zu schweigen. Die RBB Abendschau sieht darin dennoch ein „kostengünstig[es]“ und „beispielhafte[s] Aufstockungsprojekt“.

88.000 neue Wohnungen könnten in Berlin durch Aufstockung geschaffen werden, berichtet das RBB-Fernsehen. 18 davon entstünden derzeit in Schöneberg, dank der Bauweise „vergleichsweise kostengünstig“. Zu Wort kommen in dem zwei Minuten dauernden Fernsehbeitrag am 7. Juni 2016 ein Bauleiter mit Helm des Aufstockungs-Unternehmens Bien-Zenker/Binovabau und zwei Sprecher der Binovabau. Neben dem Helm mit dem prominenten Schriftzug ist auch noch ein Plakat von Bien-Zenker/Binovabau zu sehen.

TV-Redaktion vergisst die Mieter

Ein einziger Satz deutet darauf hin, dass es Kritik an dem Projekt gibt: „Das alles ist auch umstritten, denn alles treibt auch die Mieten hoch.“ Mehr kritische Betrachtung findet nicht statt – und das, obwohl die Mietergemeinschaft die Redaktion viele Stunden vor der Ausstrahlung per E-Mail kontaktiert (und eine persönliche Eingangsbestätigung erhalten) hat. Die Unternehmens-Vertreter können im Abendschau-Beitrag ungestört vom großen Potenzial schwärmen, Trockenräume auf Dachböden unwidersprochen als Vergeudung von Flächen bezeichnen und ihr Produkt ausführlich vom RBB anpreisen lassen.

E-Mail an den RBB zur Kehrseite der Aufstockung
E-Mail an den RBB: Mietergemeinschaft zur Kehrseite der Dachaufstockung

Von der Aufstockung und Modernisierung betroffene Mieter kommen dagegen gar nicht zu Wort. Dabei hätten sie zumindest für ein kleines bisschen Ausgewogenheit sorgen können. Zum Beispiel, indem sie von ihren Erfahrungen mit der Aufstockung berichten:

  • von nun fehlenden Trockenräumen,
  • von monatelangem Lärm und Dreck,
  • von massiven Wasserschäden nach dem Abbruch eines Dachstuhls,
  • von mehreren Sachschäden beim Ausbrennen und Verfüllen von Schornsteinen oder
  • von einem Investor, der offenbar nur vor Gericht für Gespräche über Umsetzwohnungen für besonders betroffene Mieter bereit ist.

Dachaufstockung: Das Märchen vom bezahlbaren Wohnraum

Natürlich dürfen zwei Scheinargumente für die Aufstockung nicht fehlen: das Schaffen zusätzlichen Wohnraums und das Decken des Wohnungsmangels. Immerhin hat sich kein Unternehmens-Vertreter gewagt, in diesem Fall von „bezahlbarem“ Wohnraum zu sprechen. Das hat dafür der RBB übernommen, indem der Reporter von „8 bis 9 Euro Kaltmiete“ für die neuen Wohnungen berichtet. Den Mietern ist dagegen bei einer Mieterversammlung des Investors ein Preis von um die 11 Euro je Quadratmeter genannt worden. Mit bezahlbarem Wohnraum hat das nichts mehr zu tun.

Apropos bezahlbarer Wohnraum: Einen Teil der für die Aufstockung nötigen Infrastruktur zahlen die vorhandenen Mieter praktischerweise gleich mit. Deutlich wird das am Beispiel des Fahrstuhls. Zwar hat der Bezirk nach Druck der Mietergemeinschaft erreicht, dass die Kosten für die Installation nur zur Hälfte auf die Mieter umgelegt werden dürfen. Die Betriebskosten und die übrigen Umlagen für die Modernisierung sind jedoch in vollem Umfang von den Mietern zu tragen (mit wenigen Ausnahmen). Und mit dem durch die vorhandenen Mieter mitfinanzierten Fahrstuhl kann die Miete für die neuen Dachgeschosswohnungen gleich noch etwas höher ausfallen. Also tatsächlich kostengünstig – für den Investor.

7 Gedanken zu „RBB Abendschau: viel Werbung für Aufstockung – und keine einzige kritische Stimme&8220;

  1. naja, thema des berichts war das problem der wohnraumschaffung, nicht der schwierigkeiten auf einer konkreten bausetlle (damit wird ja eh zur genüge sendezeit verbraucht).
    dass konkrete baumassnahmen den betroffenen unanehmlichkeiten bereiten, lässt sich nicht vermeiden.
    über das ausmass steht hier nur ihre behauptung, aber der bericht war, wie gesagt, auch nicht auf verbraucherschutz orientiert.

    es bleibt als sachlich relevante kritik also nur die preisangabe übrig, und — eventuell — die umlage der liftkosten (wobei das me durchaus in den rahmen der immer wieder umstrittenen modernisierungskosten gehört ).

    ob der wohnraummangel tatsächlich so dramatisch ist, da habe ich meine zweifel — erfahrung lehrt, dass ein derartiger hype bei dem alle welt ein angebliches problem beschreit, sich allzuoft als unfundiert und genährt aus engem horizont, herdentrieb und bloss-nichts-falsch-machen ist.

    wenn all die ideen umgesetzt wereden, die zz kursieren, wird man in 20 jahren wieder die hände überm kopf zusammenschlagen und sich fragen, wie so unsinniges und minderwertiges produziert werden konnte, und wieso nicht aus den verwüstungen der 70er und 80er gelernt wurde …

    1. Es geht aber auch um die Frage, ob diese Art von Maßnahmen ein gutes Mittel sind, Wohnraum zu schaffen, ja vielleicht sogar als Vorbild für andere dienen kann. Und bei einer Maßnahme, die dazu führt, dass Bewohner über Monate beträchtlich an Lebensqualität einbüßen müssen und sich anschließend den Wohnraum nicht mehr leisten können, muss das schon hinterfragt werden, finde ich – vorausgesetzt natürlich, das ist alles auch so.

      Sollte der Wohnraummangel tatsächlich nicht dramatisch sein (was ich nicht weiß), bekommt ein ausgesprochen wohlwollender Beitrag über solche Modernisierungs- und Ausbaumaßnahmen nochmal einen zusätzlichen faden Beigeschmack.

      Ob der Bericht darauf hätte eingehen müssen, will ich nicht beurteilen, zumal ich die Verhältnisse vor Ort ja auch nicht kenne. Geschadet hätte es ihm aber sicher nicht.

    2. Was das Thema das „Berichts“ war, spielt für die Kritik daran meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist, dass nur eine einzige Partei oder Seite zu Wort gekommen ist. Klar ist es nicht zwingend, dass die von den Baumaßnahmen betroffenen Mieter zu Wort kommen, auch wenn es sehr, sehr naheliegend ist. Aber um wenigstens journalistischen Minimalanforderungen gerecht zu werden, hätte eine zweite Partei/Seite gehört werden müssen, zum Beispiel ein Stadtplaner.

    1. Ein Blick auf den Untertitel dieser Internetseite hätte schon genügt, um sich ein genaueres Bild zu machen. Dort steht „Für eine bezahlbare Modernisierung“ – nicht „Gegen Modernisierung und Aufstockung“. Deswegen müsste es, wenn überhaupt, dann heißen: „Schafft neuen Wohnraum, aber nicht so.“

  2. Auch FAZ-Autor Jörg Niendorf hat sich mit der Aufstockung in der Gleditschstraße beschäftigt: http://www.faz.net/-gqe-8j7bo.

    Und auch Niendorf betrachtet nur die eine Seite der Medaille. Mit den Altmietern hat er offenbar nicht gesprochen. Kontakt zur Mietergemeinschaft Gleditschstraße hat er ebenfalls nicht aufgenommen, obwohl er „immer mal wieder auf der Baustelle vorbeigeschaut“ hat. Hätte er mal machen sollen, um für einen halbwegs ausgewogenen Bericht zu sorgen. Denn die Aufstockung in der Gleditschstraße ist rechtlich umstritten: http://www.gleditschstrasse.de/bezirksamt-rechtsbruch-befreiung-aufstockung/.

    Immerhin wird deutlich, dass von neu geschaffenem, „bezahlbarem“ Wohnraum keine Rede sein kann: „Die Mietpreise allerdings würden sich mit dem Aufstieg dann aber mindestens auf elf Euro je Quadratmeter verdoppeln. Denn oben wird Industria Wohnen eine Neubaumiete verlangen.“

  3. Auch uns beim Pankower Mieterprotest ist der RBB schon sehr negativ aufgestoßen. Die scheinen v.a. die PM der Bauherren weiterzugeben, aber gar nicht selbst zu recherchieren (s. http://twitter.com/PankowerMieter/status/751526905271255040.)

    Der RBB hat scheinbar auch gar kein echtes Interesse, die Wirklichkeit möglichst objektiv abzubilden. Ich hatte die Abendschau-Redaktion per Mail auf den Skandal mit den Mieterratswahlen (http://www.prenzlberger-stimme.de/?p=104651) aufmerksam gemacht, da haben sie (im Anschluss an die oben verlinkte Twitter-Diskussion und eine geharnischte Kritik von mir) dann sogar mal nachgefragt, und wir haben ihnen alles, was wir hatten, zur Verfügung gestellt. Aber dann haben sie so lange nichts dazu veröffentlicht, bis andere Medien (TSP und BLZ) schon damit herausgekommen waren – und dann kam erstmal wieder eine Lobeshymne auf die Mieterratswahlen, die offensichtlich ebenfalls nur eine schwach verwurstete PM der WBGs war…

    Was soll man dazu sagen?

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